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Späte Babies

Von Deutsche Gesellschaft für Mauersegler e.V. Von Facebook

Späte Babies

Sir Henry of the Basement fragt mich heute, ob ich schon über die letzte Babyflut berichtet hätte. „Sir Henry“, sage ich, „sehe ich so aus, als würde ich etwas anderes tun als rund um die Uhr zu füttern? Außerdem liegt die letzte Babyflut schon ziemlich lange zurück.“ Sir Henry of the B. spuckt einen Grillenkopf gegen die Wand seiner Box und meint düster, unsere Leser seien Kummer gewöhnt. Gedankenverloren verfolgen wir gemeinsam, wie der Grillenkopf langsam die Wand herunter rutscht. „Die Babies haben dich bloß genervt, als sie immer unter dir in der Box rumgewuselt sind und all dein potentielles Futter abgegriffen haben“, versuche ich meinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und reiche ihm eine neue Grille. Vergebens. Sir Henry of the B. hat längst begriffen, dass Grillen Geld kosten und dass man selbiges mit süßen Babyfotos und netten Geschichten bei der geneigten Leserschaft eintreiben kann. Er vertilgt genüsslich den Leckerbissen und schaut mich strafend an. Ich gebe auf. „Baby Minerva?“, frage ich schwach, „Und Mithril? Huxley? Baby Molucule? Jorna, Idris, Fiamma, Felian, Ernest…“ Sir Henry of the B. wendet sich gelangweilt ab und gesellt sich zu Fangio, seinem neuen Mitbewohner. Die Details überlässt er mir, während er Fangio hämisch steckt, dass er mal wieder ein paar Extragrillen bekommen hat.

Und ich habe nun also mit einiger Verspätung mitzuteilen, dass es Ende Juli, als die meisten Segler schon ihre Koffer gepackt und sich auf den Weg in den Süden gemacht hatten, bei uns nochmal so richtig zur Sache ging. Wenn man eingenordet ist auf Massenstarts ungeduldiger flügger Juveniler und die übrige Zeit (während des Akkordfütterns) versucht, ebenso ungeduldige flügge Großgefiederschäden am Ausbrechen zu hindern, ist ein nacktes dreitägiges Mauerseglerbaby ein krabbelnder Anachronismus. Das Würmchen wärmend in der Hand, sucht man fieberhaft nach dem Inkubator. Einhändige Installation ist längst in Fleisch und Blut übergegangen. Kopfschüttelnd steht man schließlich vor dem rosa Winzling, nachdem man fünf Minigrillen, lecker in Altvogel-Speichel getunkt, in das wackelnde Schnäbelchen reingebastelt hat. Die spinnen, die Segler!

Die Hoffnung, es sei lediglich ein Ausrutscher gewesen, wird wenig später zunichte gemacht, als das zweiwöchige Stachelkind Mithril eingeliefert wird. Minerva und Mithril sind happy, doch uns beschleichen böse Vorahnungen. Sie bewahrheiten sich. Und so kommt es dann eben zu den vielen Flauschbällchen, die unter Sir Henry’s Wohnbox herumwuseln und sein Futter abgreifen. Doch gottlob, auch bei Mauerseglern werden aus Kindern Leute. Die meisten der späten Babies sind inzwischen längst erwachsen geworden und haben sich an warmen Endsommertagen in den Himmel geschwungen. Alle haben es nicht geschafft, zu schlecht war ihr Zustand bei Einlieferung. Baby Minerva, Baby Molecule… Wie immer im Leben liegen Freud und Leid dicht beieinander. Doch in meiner Vorstellung fliegen auch sie, fliegen sie alle, frei für immer, über dem Kirschblütental.

Sir Henry of the B. ermahnt mich trocken, jetzt nicht rührselig zu werden. Emotionen sind nicht so sein Ding. Ich wische mir hastig ein Staubkorn aus dem Auge und teile ihm mit, dass ich Text und Bilder innerhalb der nächsten halben Stunde abschicke. Dann offeriere ich ihm eine sehr appetitliche Grille. Er geruht sie entgegenzunehmen, nickt und blinzelt mir zu. Was würde ich bloß ohne Sir Henry tun!