JOURNAL FRANKFURT, Januar 2026: "Gesichter der Stadt"
JOURNAL FRANKFURT, Januar 2026: "Gesichter der Stadt"
Ein Leben mit den Mauerseglern
Christiane Haupt setzt sich seit über drei Jahrzehnten für Mauersegler ein. Der Deutsche Tierschutzbund ehrte sie für ihr Lebenswerk.
Die geheimnisvollen dunklen Augen und ihre zutrauliche Art – das fasziniert Christiane Haupt an den Mauerseglern besonders. Die ausgebildete Tierärztin und Leiterin der Mauersegler-Klinik in Griesheim behandelt und versorgt bereits seit 32 Jahren verletzte oder geschwächte Segler. 2025 erhielt sie für ihren Einsatz den Tierschutzpreis des Deutschen Tierschutzbundes für ihr Lebenswerk – dabei begann ihr herausragendes Engagement mit einer verletzten Taube. Die junge Frau, die damals noch als Grafikerin arbeitete, nannte sie Sunny und brachte sie zu einer Auffangstation. Haupt war angetan vom Engagement der Tierschützer und begann sich einzubringen. Der Wunsch, umzusatteln und Tiermedizin zu studieren reifte heran und so schrieb sich die damals 28-Jährige an der Universität in Gießen ein. Dort wurde ihr Traum, Vögeln zu helfen, zunächst eher belächelt: „Die Kommilitonen nannten mich nur die Vogelfrau.“ Sie ließ sich aber nicht abbringen.
Bereits während ihrer ersten Studienjahre betrieb sie eine Art mobile Vogelhilfe und pendelte mit verletzten Tieren zwischen ihrem Wohnort Frankfurt, wo sie auch arbeitete, und ihrem Studienort Gießen hin und her. Während der Vorlesungen fütterte die angehende Tierärztin Meisen, Spatzen, Amseln, Stare und Mauersegler. Sogar ihr Staatsexamen wurde von den Tieren begleitet: 32 Vögel nahm sie mit, die nebenan auf ihre nächste Fütterung warteten. Sie spezialisierte sich mehr und mehr auf Mauersegler und ihr Einsatz sprach sich schnell herum, sodass immer öfter verletzte Tiere bei ihr abgegeben wurden. Haupt ist nach wie vor fasziniert davon, dass die Segler fast ihr gesamtes Leben in der Luft verbringen und sogar dort schlafen. Sie verfügten außerdem über völlig verschiedene Charaktere. In der Mauersegler-Klinik, befinden sich derzeit 145 Segler, die alle einen eigenen Namen haben. „Wir kennen hier jeden einzelnen“, berichtet Haupt. Das mache den Alltag natürlich auch manchmal schwer, weil einem das Schicksal der Tiere nahe geht. Sie erklärt aber: „Ohne Emotionen kann man so eine Arbeit nicht machen.“ Bis zu 20 Stunden am Tag ist sie im Einsatz, oft schläft sie sogar in der Klinik. Vor allem das Füttern nimmt viel Zeit in Anspruch, weil die Tiere nicht von alleine essen, sondern die Insekten mit der Pinzette in den Schnabel gegeben werden müssen. Sieben Angestellte, vier ehrenamtliche Fütterer, eine ehrenamtliche Putzkraft und fünf Flugtrainer arbeiten gemeinsam mit Haupt in der Klinik.
Haupt führt außerdem regelmäßig Operationen durch, versorgt Abszesse und Weichteiltraumata und kümmert sich um die Wundversorgung. Immer häufiger sehe sie Kampfverletzungen, die während der Nistplatzsuche entstehen. In puncto Nistplatz sind Mauersegler anspruchsvoll: Sie brauchen hoch gelegene, geräumige Plätze, die sich nicht aufheizen. Da die Mauersegler den Menschen bereits im Mittelalter in die Städte gefolgt sind, nisten sie vor allem an Gebäuden. Weil alte Gemäuer aber zunehmend saniert werden, fällt die Suche nach dem geeigneten Nistplatz immer schwerer. „Ich habe zum Teil Tag und Nacht an Behörden geschrieben.“ Die aber hätten das Thema weiter verschleppt und schließlich Tatsachen geschaffen. Eine „beliebte“ Methode sei es, die Nester mit Bauschaum zu verschließen, kritisiert die Tierärztin. Tiere, die sich noch im Nest befinden, verendeten dann auf grausame Weise. Haupt plädiert für eine ökologische Baubegleitung bei der Sanierung alter Gebäude und weist darauf hin, dass die Segler in der Regel die Gebäude nicht verschmutzen.
Der Klimawandel schadet den Tieren ebenfalls. Gerade unter den Dächern kann bei hohen Temperaturen ein regelrechter Backofen entstehen. Weil sie keine Ausweichmöglichkeit sehen, stürzen sich die Jungtiere dann aus dem Nest, erklärt Haupt. Die Hitze kann aber auch dazu führen, dass Gefiederschäden entstehen – für ein Tier, das fast sein gesamtes Leben am Himmel verbringt, ist das fatal. An besonders heißen Tagen nahm die Klinik schon bis zu 70 Vögel an einem Tag auf. „Wir mussten auch schon einen Aufnahmestopp machen“, erinnert sich Haupt.
Die Tierärztin ist außerdem Expertin im sogenannten „Schiften“, einer jahrhundertealten Methode aus der Falknerei, die ursprünglich dazu diente, Jagdfalken flugfähig zu halten. Beim Schiften wird unter Narkose ein Teil der beschädigten oder mitunter auch fehlentwickelten Federn entfernt und mit den Federn eines Spendertiers ersetzt. Um die Federn zu ersetzen, werden der eigene und der fremde Federkiel mit einem Carbonstab verbunden und verklebt. Diese Arbeit erfordert enorm viel Erfahrung, weil die Federn die richtige Biegung brauchen und im perfekten Winkel angebracht werden müssen, damit der Vogel wieder problemlos fliegen kann. „Wenn eine Feder nur um einen Millimeter verschoben ist, klappt es schon nicht mehr“, erklärt Haupt. Zwei Personen hat Haupt bisher ausgebildet. Das sei jedoch sehr viel Arbeit und die Ausbildungsphase zog sich über zwei Jahre. Haupt hat ihre Anfänge beim Falkner gemacht, sich vieles jedoch selbst beigebracht und über die Jahre optimiert. Gerne würde sie ihr Wissen in einem Buch sammeln, doch ihr fehle schlicht die Zeit.
Aus dem Preis des Deutschen Tierschutzbundes macht sich Haupt nicht viel: „Mir liegt nicht viel an persönlichen Ehrungen.“ Aber sie hofft, dass durch die Aufmerksamkeit mehr Sponsoren auf sie aufmerksam werden. Rund 50 000 Euro koste jährlich allein das Futter für die Tiere und auch die Personalkosten seien schwer zu stemmen. Bisher wurde die international bekannte Klinik vor allem von Pro Artenvielfalt und dem Hessischen Tierschutz sowie von Mitgliedsbeiträgen des Vereins „Deutsche Gesellschaft für Mauersegler“ finanziert. Die 61-Jährige möchte die Arbeit noch machen, solange es geht: „Ich mache Segler bis zu meinem letzten Atemzug.“ Bald werden auskurierte Tiere wieder auf den Kanaren ausgewildert. Zu sehen, wie sich die Mauersegler in die Freiheit schwingen – das sei ihr persönliches Highlight.
Text: Pauline Klink, JOURNAL FRANKFURT
Foto: (c) Harald Schröder